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Das LARP Experiment

Stellt euch vor, Ihr könnt sein wer immer Ihr auch sein wollt - Egal welche Person, egal welcher Charakter, egal welcher Beruf...

Ok, eine kleine Einschränkung gibt es: Die Darstellung sollte glaubhaft sein. Was aber leicht fällt, wenn das Umfeld dich nur in deiner Rolle kennt und nur die Geschichten erfährt, die du erzählen willst. Wenn du dich benimmst wie ein Pirat, aussiehst wie ein Pirat, redest wie ein Pirat, dann wird dich dein Umfeld auch als Pirat sehen und behandeln. Und nach einer kurzen Weile fühlst du dich auch wie einer und verwandelst die Rolle in gespielte Realität.

Genau das ist LARP: Improvisationstheater ohne Zuschauer und intensiver Kurzurlaub vom eigenem Ich. Und nach jeder einzelnen Rolle merkst du, wie du auch sein kannst, lotest du Charaktereigenschaften in nie da gewesener Tiefe aus. 

Ich bin eine Frau, die im täglichen Leben wenig der klischeehaft weiblichen Eigenschaft besitzt. Ängstlich bin ich sehr selten, um ehrlich zu sein, bin ich die mit der man Pferde stehlen geht, um sie am nächsten Tag rotzfrech zurück zu reiten und mit einem Lächeln zurück zu geben. Eitelkeit und perfektes Aussehen liegen mir eher fern, klar will ich gut aussehen, aber mein morgendlicher Schlaf ist mir meist wichtiger als Make-up, Klamotten und Frisur. Manipulation der Männer mit ach so weiblicher Hilflosigkeit ist mir zu blöd. Und ich kann selbst zu viel, um irgendeinen Mann für irgendwas zu bewundern, denn durch meinen Sport schlage ich selbst Möbelpacker beim Armdrücken ohne große Probleme. Dazu kommt noch ganz viel reeller Pragmatismus in Kombination mit der Einstellung, das man nur dann etwas sagt, wenn man auch was zu sagen hat ... UND ich stellte mir die Frage wie mein Umfeld auf mich reagieren würde, wenn ich genau so nicht wäre.        

Die Idee für eine LARP-Rolle war geboren! Ich mußte mir diese Frage einfach beantworten: Wie reagiert mein Umfeld - und ganz besonders die Männer - auf mich, wenn ich typisch weiblich bin. Also fasste ich den Entschluß fünf Tage lang eine Frau zu spielen, die alle von mir so abgelehnten Eigenschaft in sich vereinte. Eine Person, die mir selbst unerträglich auf die Nerven gehen würde. Das mußte einfach sein! Ich zog es durch.

Das Outfit war klar: mittelalterliche Röcke und Kleider,  verfeinert mit tallienbetonten Corsagen und Blusen. Natürlich alle samt mit tiefem Ausschnitt. Wochen vor dem LARP ließ ich meine Fingernägel lang wachsen und feilte sie spitz zulaufend, um sie später mit blutrotem Nagellack aufzumotzen. Außerdem besorgte ich mir Kontaktlinsen und Schminkutensilien, die auch einem Mittelalter-Larp standhalten konnten. Nicht zu vergessen das Haarteil zum Vortäuschen langer Haare. Alle meine Waffen blieben dieses Mal zu Hause. Jeden Morgen nahm ich mir stundenlang die Zeit mich perfekt in Schale zu werfen

Für den Charakter kramte ich meine Fähigkeit im Nachahmen von Akzenten heraus - Brigitte DuPont sprach Deutsch mit einem echt klingenden, französischen Akzent. Während ich die Rolle spielte, war ich immer ein wenig ängstlich, bereit jeden Mann als Beschützer zu akzeptieren. Scheu und dankbar ließ ich das meiste für mich regeln oder umsetzen und zeigte meinen Helden die ihnen zustehende Bewunderung. Das Tragen oder Anfassen von Waffen oder jedweden Kampffähigkeit sprach ich mir ab und verwies gleichzeitig auf meine schönen, abbrechbaren Fingernägel. Auch meine Art zu gehen, änderte ich, nicht unaufhaltsam raumgreifend mit festen Schritt. Nein! Sondern eher sacht und trippelnd.

In der gleichen Art flirtete ich - zurückhaltend, lieb und sinnlos plappernd. Es erforderte eine Menge Beherrschung  keine spitzen, satirischen Kommentare zu machen, sondern über idiotische Witze zu lachen und Bewunderung zu zeigen. Das Plappern war das schwierigste an der Rolle. Rede erstmal die ganze Zeit über Themen, die unwichtig und überflüssig sind. Fragen und beindruckte Kommentare zu den Heldentaten der Herren kamen unglaublich gut an. Schön blöd eben, immer den Anflug der Sinnhaftigkeit vermeidend. Währenddessen aber möglichst hilfsbereit, liebreizend und in einer angemessenen Dosierung zickig und zurückhaltend.

Während dieser kurzen Zeit wurde ich von so vielen Männern angebaggert, wie die ganze vorherige Zeit in meinem Leben nicht. Noch nie zuvor wurde ich so gut beschützt und mußte so wenig selbst machen. Es war unglaublich, wie die Herren sich überschlugen für mich tätig zu werden und ähnliche Frauen mit mir befreundet sein wollten. Einladungen zu Met und Bier versuchte ich möglichst, mit Hinweis auf meinen bereits vollen Krug, zu vermeiden. Die Männerwelt lief mir in ungeahnten Ausmaß hinterher und im stillen dachte ich mir dabei:`Jeder von euch könnte mit mir in Echt nichts anfangen.`

Das LARP in dieser Rolle war für mich ein Experiment. Es half mir die Antwort auf eine Frage zu finden, die mich lange beschäftigt hatte: Wie wichtig ist das Verhalten und wie reagiert das Umfeld. Bis zu diesen paar Tagen dachte ich immer, ich werde weder angesprochen noch angebaggert weil ich zu dick bin. Doch seitdem weiß ich, das es nicht an meinem Aussehen liegt, sondern an meinem Charakter. An der Art und Weise wie ich nun mal bin - Und damit kann ich gut Leben! Seit diesem LARP gehe ich selbstbewußter durch die Welt ... und etwas weiblicher. ;-) . Denn irgendwie hatte es auch was. 

Leider bin ich seitdem auch als Herzensbrecher bekannt. Unfassbar, das war das fünfte Mal das ich da gewesen bin und nur in dieser Rolle haben die meisten mich überhaupt wahrgenommen. Tja meine Lieben, verguckt euch niemals auf einem LARP - nicht nur Held und Bösewicht spielen eine Rolle. Es ist und bleibt ein spontan improvisiertes Theaterspiel.  

 

 

15.10.13 21:27
 


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